VOLKER HENZE


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Eugen Blume zur Eröffnung der Ausstellung FALLEN in der Galerie im Turm Berlin am 11.09.2003 

Meine Damen und Herren, wie sie alle wissen, ist heute der 11. September und ein jeder, der an diesem Tag etwas veröffentlicht, sei es ein Vortrag, eine Ausstellung, ein Zeitungsartikel oder eine Eröffnungsrede wird der Versuchung erliegen, zu diesem denkwürdigen Datum möglichst etwas intelligentes beizusteuern.
Ich habe Volker eindringlich gewarnt sich dieser Versuchung hinzugeben, als Künstler auf diesen Tag zu reagieren. Er brauchte letztendlich meine kritischen Einwände nicht, die Ausstellung zeigt, dass er pur als Maler auftritt und nirgends eingestellte Zeichen auf die zerstörten Doppeltürme in New York verweisen.
Es bleibt aber das Datum, das niemand mehr unschuldig betrachten kann und so tue ich etwas, wovor ich andere gewarnt habe, nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil mir als ich über diese Eröffnungsrede nachdachte immer wieder dieser kurze Dialog einfiel, den Volker und ich führten und der wie gesagt über den 11. September ging und meine Ablehnung, eine wie auch immer geartete Illustration zu versuchen. Ich erinnerte meine instinktive Abneigung, als die Galerie am Lützowplatz eine im geringen Abstand zum 11. September entstandene Initiative der achtenswerten Zeitschrift Lettre International zeigte, die Literatur und bildende Kunst aufgefordert hatte, auf dieses unvergleichliche Ereignis zu reagieren. über eine solche Auftragshandlung war ich geradezu empört, weil sie ein grundlegendes Missverständnis offenbarte, einen sich bereits im Auftrag selbst abbildender Irrtum, nämlich Bilder könnten wie Literatur verhandelt werden.
Bildende Kunst entsteht niemals auf diese Weise und so waren auch alle Bildwerke schwach und der Literatur gnadenlos unterlegen. Aber es spielte noch eine andere, viel ungeheuerlichere Tatsache hinein, der 11. September war deshalb so furchtbar und hat sich in unsere Gehirne eingebrannt, weil ihm ein ästhetisches Konzept zugrunde lag. Auf dieses ästhetische Konzept nun sollte ästhetisch reagiert werden. Ein Konzept, was in perfidester Weise einen groß angelegten Versuch, unsere Empfindungs- und Denkfähigkeit durch einen massenmedialen Bildterrorismus entscheidend zu schwächen, am Beginn des 21. Jahrhunderts auf den Gipfel führte.
Unser tägliches Bild der Welt wird durch die elektronischen Massenmedien aus Millionen schwachen Bildern zusammengesetzt, die eines bewirken, sie setzen unsere Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber der Wirklichkeit gefährlich herab. Auch wenn wir mitunter über furchtbare Ereignisse Bilder geliefert bekommen, sie sind durch ihre Schwäche, durch ihre Funktion als Filter vor der Wirklichkeit zu stehen, so entschärft, dass sie unsere tiefer liegenden Empfindungen nicht mehr erreichen.
Die Bilder des 11. September nun waren von anderer Natur. Sie waren wie von einem hervorragenden Regisseur gebaut, der dass, was vor seinen Augen noch Wirklichkeit ist, auf die Kamera umdenken muss. Das gesamte Szenario war auf die Kameras der elektronischen Massenmedien hin ausgerichtet. Dem Ereignis lag die ästhetik eines Genres des Films zugrunde, das Hollywood in unerreichter Perfektion ausgebaut hat, der so genannte Aktionsfilm, der von der ästhetisierung der Gewalt lebt. In die gewohnten schwachen Bilder, die uns Flugzeugabstürze, Eisenbahnunglücke, Morde und Kriege so vermitteln, dass wir nicht einmal aus unseren Sesseln aufstehen und die Kinder trotzdem ruhig schlafen lassen, standen diese komponierten, nunmehr starken Bilder als seien sie etwas, was wir unmittelbar sahen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Echtzeit, durch die eingeplante Möglichkeit, eine Kamera aufzubauen, um den zweiten Hinflug life übertragen zu können. Die Frage, die mich in unserem Zusammenhang einer Kunstausstellung interessiert, ist die Frage nach dem inneren Mechanismus dieser hier verkürzt starke Bilder genannten Kompositionen, die offenbar auch im Dienste von destruktiven Ideen funktionierten.

Volker Henze nun bedient sich nicht der Fotografie, sondern der Malerei und dann noch in einem ihrer schwierigsten Felder, die wir mit abstrakt, nonfigurativ etc. nur ungenügend bezeichnen können. Aber das was der Künstler im Arbeitsprozess dieser Bilder entscheiden und finden muss, ist der Augenblick in dem das Bild aus dem Prozess austritt, still steht und in die Ewigkeit eintritt.

Was will ich damit sagen?
Ein Bild wird dann zum starken Bild, wenn das Bild zu sich kommt. Der Künstler steht im Malprozess und tritt prüfend von der Leinwand weg und gibt dieses und jenes hinzu und plötzlich ist das Bild da. Es erhebt sich aus dem Dialog mit seinem Produzenten und beginnt seinen Weg in die Öffentlichkeit.

 

Ist es der Künstler allein, der diesen Punkt des sich über die Geschichte Stellens, bestimmt? Oder wirken hier noch andere Kräfte hinein? Sehen sie sich die Bilder von Volker Henze genau an.
Ist es nicht geradezu aberwitzig diesen Zustand, den sie vor uns bezeugen, als ihre gültige Ordnung zu behaupten? Aber es ist so. Sie sind fertig und funktionieren als starke Bilder, weil die Komposition stimmt, die Farben so oder so zusammenklingen etc.
Wir haben für diese Resultate, vor denen wir mit unseren Empfindungen diffus bleiben, seltsamerweise nur schwache Worte wie spannend, interessant, schön, expressiv, aufregend etc. So oder ähnlich lauten unsere Bildbeschreibungen, mit denen wir auf ein Werk reagieren, diesen Entstehung uns rätselhaft bleibt Ohne die Herkunft dieser von mir als stark bezeichneten Bilder mystifizieren zu wollen, denke ich, dass der Künstler, wie immer er arbeitet, etwas durch sich hindurch sprechen lässt, dass sein sensibles Instrumentarium den Augenblick erkennt, in dem das andere sich auf seiner Leinwand, Papier, Videokamera, Fotoapparat und was immer zu zeigen beginnt. Er hält an, wenn der Klang gegeben ist, der in etwas hinein hört oder sieht, dass mit unserer Existenz grundlegend zu tun hat Ohne dies bliebe die expressive Sprache von Volker Henze nichts weiter als eine beliebige Verbindung von Farben, die jemand aus seinem Charakter und Gestimmtheit auf die Leinwand gebracht hat Das wäre vielleicht auch ganz schön und mitunter dekorativ, aber mit Kunst hat es nichts zu tun.
Ich behaupte also nichts weniger, und werde dafür sicher als hoffnungslos veraltet gescholten, dass Künstler Medien sind, die wie immer es passiert sein mag, Antennen bekommen haben, mit denen sie eine Welt empfangen, gegen die wir uns seit dem Beginn der Moderne zur Wehr setzen. Sie vollführen in ihren Werken immer wieder die aus der christlichen Liturgie herrührenden Transsubstantiation, die Verwandlung von Materie in Geist oder besser die Sichtbarmachung des Geistes in der Materie.
Denn was die Bilder von Volker Henze für uns interessant macht, ist etwas Geistiges, niemand wird sich ausschließlich in ihrem Material aufhalten, niemand schwärmt etwa von der Leinwand und den Farben an sich. Sie sind ohne die Hand des Künstlers tote Materie.
Was nun haben sie mit dem 11.September in einem allgemeinen Sinne zu tun. Wenn wir dieses grausame Ereignis ästhetisch beurteilen bzw. behaupten, es sei ästhetisch gedacht worden, so ist schon seine Vorbereitung und seine spätere tatsächliche Durchführung mit allen schrecklichen Details in die Ewigkeit und Unverrückbarkeit des Bildes hinein gedacht worden. Wirklichkeit wurde in einem ungeheuren Sinne als Material verbraucht, um etwas Fiktives, etwas künstlich Wiederholbares entstehen zu lassen. Die Bilder waren keine Reproduktionen einer ungeahnten Destruktion, sondern sie waren die Vollendung dessen, was als Geschichtliches in der Zeit verschwindet.

Ground Zero ist heute aufgeräumt, was geblieben ist, sind jene Bilder vor deren ästhetik wir uns fürchten. Zweifellos kennt das 20.Jahrhundert schrecklichere Ereignisse, aber die Metaphorik dieser Bilder bezeugt auf eine grauenvolle Weise das Ende des materialistischen Zeitalters.
Die Kunst hat sich durch alle Jahrhunderte hindurch dem Materialismus erfolgreich entzogen, sie stand und steht bereits auf der anderen Seite. So ist der 11. September aber keineswegs das Werk von Künstlern, was ja scheinbar die logische Folgerung aus meinen Worten wäre, sondern ein Substrat skrupellosester Machtverwaltung, die eigenartigerweise durch den Frevel ästhetische Energiefelder für die eigenen Ziele nutzbar machen zu wollen, entlarvt wurde. Die ästhetik wirkte wie eine Decodierung, sie verriet, ohne natürlich Namen nennen zu können, die eigentlichen Verursacher. Als starke Bilder lösen sie sich von jeder wie auch immer gedachten Konzeption. Sie haben nichts mehr mit ihren Planern zu tun, sondern heben sich über alles hinweg und sind Warnbilder mit einem eigenen Gesetz, das wie bei allen ästhetisch codierten Bildern funktioniert, sie stärken uns letztendlich, obwohl sie eine fundamentale Schwächung im Sinn hatten.
Insofern gibt es eine Verbindung zwischen der Bildfindung des Künstlers im Atelier und diesem nunmehr historischen Ereignis, er, der Künstler stärkt die utopische Linie der starken Bilder, denen eine materialistisch gedachte Dekonstruktion wenig anhaben kann.

Dr. Eugen Blume