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Meine Damen und Herren, wie
sie
alle wissen, ist heute der 11. September und ein jeder, der an diesem
Tag etwas veröffentlicht, sei es ein Vortrag, eine Ausstellung,
ein Zeitungsartikel oder eine Eröffnungsrede wird der Versuchung
erliegen, zu diesem denkwürdigen Datum möglichst etwas
intelligentes beizusteuern.
Ich habe Volker eindringlich gewarnt sich dieser Versuchung hinzugeben,
als Künstler auf diesen Tag zu reagieren. Er brauchte letztendlich
meine kritischen Einwände nicht, die Ausstellung zeigt, dass er
pur als Maler auftritt und nirgends eingestellte Zeichen auf die
zerstörten Doppeltürme in New York verweisen.
Es bleibt aber das Datum, das niemand mehr unschuldig betrachten kann
und so tue ich etwas, wovor ich andere gewarnt habe, nicht etwa aus
Eitelkeit, sondern weil mir als ich über diese Eröffnungsrede
nachdachte immer wieder dieser kurze Dialog einfiel, den Volker und ich
führten und der wie gesagt über den 11. September ging und
meine Ablehnung, eine wie auch immer geartete Illustration zu
versuchen. Ich erinnerte meine instinktive Abneigung, als die Galerie
am Lützowplatz eine im geringen Abstand zum 11. September
entstandene Initiative der achtenswerten Zeitschrift Lettre
International zeigte, die Literatur und bildende Kunst aufgefordert
hatte, auf dieses unvergleichliche Ereignis zu reagieren. über
eine solche Auftragshandlung war ich geradezu empört, weil sie ein
grundlegendes Missverständnis offenbarte, einen sich bereits im
Auftrag selbst abbildender Irrtum, nämlich Bilder könnten wie
Literatur verhandelt werden.
Bildende Kunst entsteht niemals auf diese Weise und so waren auch alle
Bildwerke schwach und der Literatur gnadenlos unterlegen. Aber es
spielte noch eine andere, viel ungeheuerlichere Tatsache hinein, der
11. September war deshalb so furchtbar und hat sich in unsere Gehirne
eingebrannt, weil ihm ein ästhetisches Konzept zugrunde lag. Auf
dieses ästhetische Konzept nun sollte ästhetisch reagiert
werden. Ein Konzept, was in perfidester Weise einen groß
angelegten Versuch, unsere Empfindungs- und Denkfähigkeit durch
einen massenmedialen Bildterrorismus entscheidend zu schwächen, am
Beginn des 21. Jahrhunderts auf den Gipfel führte.
Unser tägliches Bild der Welt wird durch die elektronischen
Massenmedien aus Millionen schwachen Bildern zusammengesetzt, die eines
bewirken, sie setzen unsere Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber
der Wirklichkeit gefährlich herab. Auch wenn wir mitunter
über furchtbare Ereignisse Bilder geliefert bekommen, sie sind
durch ihre Schwäche, durch ihre Funktion als Filter vor der
Wirklichkeit zu stehen, so entschärft, dass sie unsere tiefer
liegenden Empfindungen nicht mehr erreichen.
Die Bilder des 11. September nun waren von anderer Natur. Sie waren wie
von einem hervorragenden Regisseur gebaut, der dass, was vor seinen
Augen noch Wirklichkeit ist, auf die Kamera umdenken muss. Das gesamte
Szenario war auf die Kameras der elektronischen Massenmedien hin
ausgerichtet. Dem Ereignis lag die ästhetik eines Genres des Films
zugrunde, das Hollywood in unerreichter Perfektion ausgebaut hat, der
so genannte Aktionsfilm, der von der ästhetisierung der Gewalt
lebt. In die gewohnten schwachen Bilder, die uns Flugzeugabstürze,
Eisenbahnunglücke, Morde und Kriege so vermitteln, dass wir nicht
einmal aus unseren Sesseln aufstehen und die Kinder trotzdem ruhig
schlafen lassen, standen diese komponierten, nunmehr starken Bilder als
seien sie etwas, was wir unmittelbar sahen. Verstärkt wurde dieser
Eindruck durch die Echtzeit, durch die eingeplante Möglichkeit,
eine Kamera aufzubauen, um den zweiten Hinflug life übertragen zu
können. Die Frage, die mich in unserem Zusammenhang einer
Kunstausstellung interessiert, ist die Frage nach dem inneren
Mechanismus dieser hier verkürzt starke Bilder genannten
Kompositionen, die offenbar auch im Dienste von destruktiven Ideen
funktionierten.
Volker Henze nun bedient
sich
nicht der Fotografie, sondern der Malerei
und dann noch in einem ihrer schwierigsten Felder, die wir mit
abstrakt, nonfigurativ etc. nur ungenügend bezeichnen können.
Aber das was der Künstler im Arbeitsprozess dieser Bilder
entscheiden und finden muss, ist der Augenblick in dem das Bild aus dem
Prozess austritt, still steht und in die Ewigkeit eintritt.
Was will ich damit sagen?
Ein Bild wird dann zum starken Bild, wenn das Bild zu sich kommt. Der
Künstler steht im Malprozess und tritt prüfend von der
Leinwand weg und gibt dieses und jenes hinzu und plötzlich ist das
Bild da. Es erhebt sich aus dem Dialog mit seinem Produzenten und
beginnt seinen Weg in die Öffentlichkeit.
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Ist es der Künstler
allein,
der diesen Punkt des sich über die Geschichte Stellens, bestimmt?
Oder wirken hier noch andere Kräfte hinein? Sehen sie sich die
Bilder von Volker Henze genau an.
Ist es nicht geradezu aberwitzig
diesen Zustand, den sie vor uns bezeugen, als ihre gültige Ordnung
zu behaupten? Aber es ist so. Sie sind fertig und funktionieren als
starke Bilder, weil die Komposition stimmt, die Farben so oder so
zusammenklingen etc.
Wir haben für diese Resultate, vor denen wir
mit unseren Empfindungen diffus bleiben, seltsamerweise nur schwache
Worte wie spannend, interessant, schön, expressiv, aufregend etc.
So oder ähnlich lauten unsere Bildbeschreibungen, mit denen wir
auf ein Werk reagieren, diesen Entstehung uns rätselhaft bleibt
Ohne die Herkunft dieser von mir als stark bezeichneten Bilder
mystifizieren zu wollen, denke ich, dass der Künstler, wie immer
er arbeitet, etwas durch sich hindurch sprechen lässt, dass sein
sensibles Instrumentarium den Augenblick erkennt, in dem das andere
sich auf seiner Leinwand, Papier, Videokamera, Fotoapparat und was
immer zu zeigen beginnt. Er hält an, wenn der Klang gegeben ist,
der in etwas hinein hört oder sieht, dass mit unserer Existenz
grundlegend zu tun hat Ohne dies bliebe die expressive Sprache von
Volker Henze nichts weiter als eine beliebige Verbindung von Farben,
die jemand aus seinem Charakter und Gestimmtheit auf die Leinwand
gebracht hat Das wäre vielleicht auch ganz schön und mitunter
dekorativ, aber mit Kunst hat es nichts zu tun.
Ich behaupte also
nichts weniger, und werde dafür sicher als hoffnungslos veraltet
gescholten, dass Künstler Medien sind, die wie immer es passiert
sein mag, Antennen bekommen haben, mit denen sie eine Welt empfangen,
gegen die wir uns seit dem Beginn der Moderne zur Wehr setzen. Sie
vollführen in ihren Werken immer wieder die aus der christlichen
Liturgie herrührenden Transsubstantiation, die Verwandlung von
Materie in Geist oder besser die Sichtbarmachung des Geistes in der
Materie.
Denn was die Bilder von Volker Henze für uns interessant
macht, ist etwas Geistiges, niemand wird sich ausschließlich in
ihrem Material aufhalten, niemand schwärmt etwa von der Leinwand
und den Farben an sich. Sie sind ohne die Hand des Künstlers tote
Materie.
Was nun haben sie mit dem 11.September in einem allgemeinen
Sinne zu tun. Wenn wir dieses grausame Ereignis ästhetisch
beurteilen bzw. behaupten, es sei ästhetisch gedacht worden, so
ist schon seine Vorbereitung und seine spätere tatsächliche
Durchführung mit allen schrecklichen Details in die Ewigkeit und
Unverrückbarkeit des Bildes hinein gedacht worden. Wirklichkeit
wurde in einem ungeheuren Sinne als Material verbraucht, um etwas
Fiktives, etwas künstlich Wiederholbares entstehen zu lassen. Die
Bilder waren keine Reproduktionen einer ungeahnten Destruktion, sondern
sie waren die Vollendung dessen, was als Geschichtliches in der Zeit
verschwindet.
Ground Zero ist heute
aufgeräumt, was geblieben ist,
sind jene Bilder vor deren ästhetik wir uns fürchten.
Zweifellos kennt das 20.Jahrhundert schrecklichere Ereignisse, aber die
Metaphorik dieser Bilder bezeugt auf eine grauenvolle Weise das Ende
des materialistischen Zeitalters.
Die Kunst hat sich durch alle
Jahrhunderte hindurch dem Materialismus erfolgreich entzogen, sie stand
und steht bereits auf der anderen Seite. So ist der 11. September aber
keineswegs das Werk von Künstlern, was ja scheinbar die logische
Folgerung aus meinen Worten wäre, sondern ein Substrat
skrupellosester Machtverwaltung, die eigenartigerweise durch den Frevel
ästhetische Energiefelder für die eigenen Ziele nutzbar
machen zu wollen, entlarvt wurde. Die ästhetik wirkte wie eine
Decodierung, sie verriet, ohne natürlich Namen nennen zu
können, die eigentlichen Verursacher. Als starke Bilder lösen
sie sich von jeder wie auch immer gedachten Konzeption. Sie haben
nichts mehr mit ihren Planern zu tun, sondern heben sich über
alles hinweg und sind Warnbilder mit einem eigenen Gesetz, das wie bei
allen ästhetisch codierten Bildern funktioniert, sie stärken
uns letztendlich, obwohl sie eine fundamentale Schwächung im Sinn
hatten.
Insofern gibt es eine Verbindung zwischen der Bildfindung des
Künstlers im Atelier und diesem nunmehr historischen Ereignis, er,
der Künstler stärkt die utopische Linie der starken Bilder,
denen eine materialistisch gedachte Dekonstruktion wenig anhaben kann.
Dr. Eugen Blume
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