VOLKER HENZE


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Eugen Blume zur Eröffnung der Ausstellung QUADRI Volker Henze Malerei und Bildobjekte im Brechthaus Weißensee am 29.09.2000 

Lieber Volker, jeder Redner freut sich, wenn der Künstler selbst ihm sogar im Titel etwas vorgibt, woran er sich festzuhalten vermag, von dem aus er seine Fäden spinnt für wenige Minuten.
In diesem Sinne dachte ich Quadri, nicht schlecht, das könnte etwas hergeben und schon war ich in den tiefsten Schwierigkeiten.
Zunächst, und ich versuche meine Gedanken chronologisch zu ordnen, natürlich die Frage, warum Quadri und nicht einfach Bilder. Henze erklärt es in seinem schönen Text im Katalog und meint der deutsche Begriff Bild sei weiter gefaßt, meint nicht nur Bilder, wie sie der Maler oder wer auch immer produziert, sondern auch das gesehene Bild, während das italienische Quadro das Bild meint, das Bild auf einem Grund, in einem vierseitigen Format, das Bild, was uns als ein Gegenüber entgegenkommt. Wenn sich also ein solches Wort in dieser Bedeutung in einer Sprache aufhält, dann muß in dieser Kultur das gemalte Bild einen hohen Stellenwert haben, denn was sonst gab es an Bildern in der Zeit als das Quadro entstand.
Es muß eine glückliche Zeit gewesen sein, die Kunst hatte die absolute Bildhoheit.
Die Ouadri der Künstler waren Bild-Solitäre, die einzigen Einblicke in eine virtuelle Welt, die der wirklichen zu gleichen schien, die aber nichts mit Wirklichkeit zu tun hatte und das machte sie rätselhaft, vielleicht auch unheimlich, dem Göttlichen Nahe und obwohl unbewegt, lebendig in einem höheren Sinne.
Natürlich dachte ich bei Quadri auch an Italien als Land. Vor Jahren, auf der Flucht vor der banalen Tristesse der zeitgenössischen Biennale, durchwanderte ich die Räume der berühmten Scuola Grande di San Rocco in Venedig, die vollständig von Jacopo Tintoretto ausgemalt ist, wie alle anderen Besucher mit einem der dort ausgeteilten Spiegel in der Hand, um auch noch die Deckenbilder richtig sehen zu können und war plötzlich von einem Bild ergriffen oder vielmehr von einem Detail in der großformatigen Taufe Christi, von den wehenden Kleidern der am Ufer stehenden Frauen. Diese Kleider sind, wenn man näher hinzutritt, was in diesem Falle nur mit dem Fernrohr möglich ist, auf eine unglaubliche Weise gemalt, gestische Malerei, die nicht mehr am Gegenstand interessiert ist, sondern vom Temperament über die Fläche getrieben wird.
Die Frage, die ich mir ganz naiv stellte war, was ist eigentlich ein Bild und was können wir als Bild akzeptieren? Und was sind, um den heutigen Anlaß dieser Frage nicht zu vergessen, Bilder in der Art wie sie Volker Henze malt?
War schon in Tintorettos großartig hingeworfenen Frauenkleidern der Beginn einer Malerei zu finden, der sich Volker Henze verschrieben hat?
Oder ist es eine Interpretation, der wir von heute aus zuneigen, weil wir alle Enwicklungsphasen der Malerei vor und nach Tintoretto zu kennen meinen, und wir uns durch nichts mehr überraschen lassen?
Das Geheimnis der aus der Nähe abstrakter Malerei gleichenden Kleider von Tintoretto scheint mir das Kernproblem des Quadro, wie es Volker Henze diskutiert. Es gab Untersuchungen von bedeutenden Kunsthistorikern, die darüber nachdachten, wann ein aus der Distanz betrachtetes Bild sich beim Näherkommen auflöst in eine unbedeutende Leinwand plus Pinselstriche, daß heißt, wann wird durch bloße Distanzveränderung aus einem Bild etwas rein Absurdes und umgekehrt, wie vermag unser Auge aus dieser Absurdität im Abstand ein Bild zu lesen?

 

Wenn man diese Überlegungen über ein Bild auf Volker Henzes Malerei anwendet, würde es bedeuten, daß man zu keinem Bild mehr vorzudringen vermag, weil das Bild als etwas durch das Auge erkennbar Vernünftiges prinzipiell aufgehoben ist.
Seine Bilder sind in dem eben genannten Sinne aus dem Abstand so absurd, wie sie aus der Nähe absurder sind. Und dabei verstehe ich absurd nicht im lateinischen Sinne als mißtönend, sondern in seiner deutschen Bedeutung von unvernünftig.
Der Gegenstand wird in der Nahsicht nicht zu einer Leinwand plus Pinselstriche, sondern genau dies ist überhaupt das Ziel schon gewesen, bevor etwas auf der noch weißen Leinwand zu sehen war.
Wie nun und dies frage ich ernsthaft, kann uns ein solches Bild, das in Wirklichkeit offenbar kein Bild mehr ist, Genuß bereiten?
Kürzlich sprach ich mit einem Künstler über Volker Henzes Bilder. Seine Schilderung war erstaunlich, die Bilder seien und er fuhr dabei mit der rechten Hand rhythmisch in kurzen imaginären Pinselhieben durch die Luft von rechts oben nach links unten und dann noch umgekehrt, obsessiv gemalt. Sie sind und er wiederholte schweigend die Gesten, um schließlich nach einer gewissen Zeit einfach nur zu sagen, so gemalt. Ich hatte dem eigentlich nichts hinzuzufügen.
Henzes Bilder kommen aus diesem wortlosen gestischen Raum. Sie sind gedankenlos entstanden. Sie müssen als Rot bestehen oder als Gelb mit wenig Schwarz, schwer und dunkel, hell und freudig, nicht als Figur, als Landschaft, als etwas was wir in Sprache übersetzen.


Bilder, die aus diesem schwer zu beschreibenden Gefühl heraus ohne Wissen entstehen, jedes Wissen ist der Feind eines solchen Bildes, berühren uns deshalb weil wir im Grunde uns dahin wünschen, in ein, man könnte sagen, nichtwissendes Wissen.
Ich wille es an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich im Atelier von Henze war, berührte mich besonders ein ungewohnt heiteres Bild in hellen Rottönen. Ich fühlte mich sofort aufgehoben, froh gestimmt und was ich in diesem Moment am allerwenigsten gebrauchen konnte, war zu denken darüber, warum ich denn nun froh bin mit diesem Bild. Jeder Gedanke vertrieb mir dieses Bild geradezu.
In solchen frohen Momenten fühlt man sich mit jedem Wort unwohl, wie hätte nur geklungen, wenn ich gesagt hätte, ein schönes Bild Volker. Schön ist so blöd wie spannend und interessant. Schließlich fiel mir Meister Eckhard ein, der unglaublicherweise im 15. Jahrhundert geschrieben hatte, "man kann dem Bilde mit nichts dienlicher sein, als mit Stille und mit Schweigen, da kann man´s hören und versteht mans recht: in jenem Unwissen. Wo man nichts weiß, da weist und offenbart es sich".
Eckhart hätte bestimmt nicht für möglich gehalten, daß es einmal ungegenständliche Malerei geben wird. Der oben erwähnte Kunsthistoriker wollte absurderweise herausbekommen, wo der meßbare Punkt ist, an dem das Bild dem Auge als Bild einleuchtet und wann es heraustritt in die Unvernunft. Sie können es hier heute in der Ausstellung selbst versuchen und sie werden diesen Punkt nicht finden, aber sie werden feststellen, daß Henzes Bilder durchaus auch beides in sich tragen, das Bild und aus der Nähe die Leinwand mit Pinselstrichen.
Warum das Auge den Augenblick des Umschlagens nicht findet, ist ganz einfach, weil das Bild sieht, nicht das Auge, was auch heißt, nicht über das Bild zu denken, sondern das Bild in sich denken zu lassen.

Der Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Eugen Blume ist Leiter des Museums für Gegenwart HAMBURGER BAHNHOF Berlin