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Lieber Volker, jeder Redner
freut
sich, wenn der Künstler selbst ihm sogar im Titel etwas vorgibt,
woran er sich festzuhalten vermag, von dem aus er seine Fäden
spinnt für wenige Minuten.
In diesem Sinne dachte ich Quadri, nicht schlecht, das könnte
etwas hergeben und schon war ich in den tiefsten Schwierigkeiten.
Zunächst, und ich versuche meine Gedanken chronologisch zu ordnen,
natürlich die Frage, warum Quadri und nicht einfach Bilder. Henze
erklärt es in seinem schönen Text im Katalog und meint der
deutsche Begriff Bild sei weiter gefaßt, meint nicht nur Bilder,
wie sie der Maler oder wer auch immer produziert, sondern auch das
gesehene Bild, während das italienische Quadro das Bild meint, das
Bild auf einem Grund, in einem vierseitigen Format, das Bild, was uns
als ein Gegenüber entgegenkommt. Wenn sich also ein solches Wort
in dieser Bedeutung in einer Sprache aufhält, dann muß in
dieser Kultur das gemalte Bild einen hohen Stellenwert haben, denn was
sonst gab es an Bildern in der Zeit als das Quadro entstand.
Es muß eine glückliche Zeit gewesen sein, die Kunst hatte
die absolute Bildhoheit.
Die Ouadri der Künstler waren Bild-Solitäre, die einzigen
Einblicke in eine virtuelle Welt, die der wirklichen zu gleichen
schien, die aber nichts mit Wirklichkeit zu tun hatte und das machte
sie rätselhaft, vielleicht auch unheimlich, dem Göttlichen
Nahe und obwohl unbewegt, lebendig in einem höheren Sinne.
Natürlich dachte ich bei Quadri auch an Italien als Land.
Vor Jahren, auf der Flucht vor der banalen Tristesse der
zeitgenössischen Biennale, durchwanderte ich die Räume der
berühmten Scuola Grande di San Rocco in Venedig, die
vollständig von Jacopo Tintoretto ausgemalt ist, wie alle anderen
Besucher mit einem der dort ausgeteilten Spiegel in der Hand, um auch
noch die Deckenbilder richtig sehen zu können und war
plötzlich von einem Bild ergriffen oder vielmehr von einem Detail
in der großformatigen Taufe Christi, von den wehenden Kleidern
der am Ufer stehenden Frauen. Diese Kleider sind, wenn man näher
hinzutritt, was in diesem Falle nur mit dem Fernrohr möglich ist,
auf eine unglaubliche Weise gemalt, gestische Malerei, die nicht mehr
am Gegenstand interessiert ist, sondern vom Temperament über die
Fläche getrieben wird.
Die Frage, die ich mir ganz naiv stellte war, was ist eigentlich ein
Bild und was können wir als Bild akzeptieren? Und was sind, um den
heutigen Anlaß dieser Frage nicht zu vergessen, Bilder in der Art
wie sie Volker Henze malt?
War schon in Tintorettos großartig hingeworfenen Frauenkleidern
der Beginn einer Malerei zu finden, der sich Volker Henze verschrieben
hat?
Oder ist es eine Interpretation, der wir von heute aus zuneigen, weil
wir alle Enwicklungsphasen der Malerei vor und nach Tintoretto zu
kennen meinen, und wir uns durch nichts mehr überraschen lassen?
Das Geheimnis der aus der Nähe abstrakter Malerei gleichenden
Kleider von Tintoretto scheint mir das Kernproblem des Quadro, wie es
Volker Henze diskutiert. Es gab Untersuchungen von bedeutenden
Kunsthistorikern, die darüber nachdachten, wann ein aus der
Distanz betrachtetes Bild sich beim Näherkommen auflöst in
eine unbedeutende Leinwand plus Pinselstriche, daß heißt,
wann wird durch bloße Distanzveränderung aus einem Bild
etwas rein Absurdes und umgekehrt, wie vermag unser Auge aus dieser
Absurdität im Abstand ein Bild zu lesen?
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Wenn man diese
Überlegungen
über ein Bild auf Volker Henzes Malerei anwendet, würde es
bedeuten, daß man zu keinem Bild mehr vorzudringen vermag, weil
das Bild als etwas durch das Auge erkennbar Vernünftiges
prinzipiell aufgehoben ist.
Seine Bilder sind in dem eben genannten Sinne aus dem Abstand so
absurd, wie sie aus der Nähe absurder sind. Und dabei verstehe ich
absurd nicht im lateinischen Sinne als mißtönend, sondern in
seiner deutschen Bedeutung von unvernünftig.
Der Gegenstand wird in der Nahsicht nicht zu einer Leinwand plus
Pinselstriche, sondern genau dies ist überhaupt das Ziel schon
gewesen, bevor etwas auf der noch weißen Leinwand zu sehen war.
Wie nun und dies frage ich ernsthaft, kann uns ein solches Bild, das in
Wirklichkeit offenbar kein Bild mehr ist, Genuß bereiten?
Kürzlich sprach ich mit einem Künstler über Volker
Henzes Bilder. Seine Schilderung war erstaunlich, die Bilder seien und
er fuhr dabei mit der rechten Hand rhythmisch in kurzen imaginären
Pinselhieben durch die Luft von rechts oben nach links unten und dann
noch umgekehrt, obsessiv gemalt. Sie sind und er wiederholte schweigend
die Gesten, um schließlich nach einer gewissen Zeit einfach nur
zu sagen, so gemalt. Ich hatte dem eigentlich nichts hinzuzufügen.
Henzes Bilder kommen aus diesem wortlosen gestischen Raum. Sie sind
gedankenlos entstanden. Sie müssen als Rot bestehen oder als Gelb
mit wenig Schwarz, schwer und dunkel, hell und freudig, nicht als
Figur, als Landschaft, als etwas was wir in Sprache übersetzen.
Bilder, die aus diesem schwer zu beschreibenden Gefühl heraus ohne
Wissen entstehen, jedes Wissen ist der Feind eines solchen Bildes,
berühren uns deshalb weil wir im Grunde uns dahin wünschen,
in ein, man könnte sagen, nichtwissendes Wissen.
Ich wille es an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich im Atelier von
Henze war, berührte mich besonders ein ungewohnt heiteres Bild in
hellen Rottönen. Ich fühlte mich sofort aufgehoben, froh
gestimmt und was ich in diesem Moment am allerwenigsten gebrauchen
konnte, war zu denken darüber, warum ich denn nun froh bin mit
diesem Bild. Jeder Gedanke vertrieb mir dieses Bild geradezu.
In solchen frohen Momenten fühlt man sich mit jedem Wort unwohl,
wie hätte nur geklungen, wenn ich gesagt hätte, ein
schönes Bild Volker. Schön ist so blöd wie spannend und
interessant. Schließlich fiel mir Meister Eckhard ein, der
unglaublicherweise im 15. Jahrhundert geschrieben hatte, "man kann dem
Bilde mit nichts dienlicher sein, als mit Stille und mit Schweigen, da
kann man´s hören und versteht mans recht: in jenem Unwissen.
Wo
man nichts weiß, da weist und offenbart es sich".
Eckhart hätte bestimmt nicht für möglich gehalten,
daß es einmal ungegenständliche Malerei geben wird. Der oben
erwähnte Kunsthistoriker wollte absurderweise herausbekommen, wo
der meßbare Punkt ist, an dem das Bild dem Auge als Bild
einleuchtet und wann es heraustritt in die Unvernunft. Sie können
es hier heute in der Ausstellung selbst versuchen und sie werden diesen
Punkt nicht finden, aber sie werden feststellen, daß Henzes
Bilder durchaus auch beides in sich tragen, das Bild und aus der
Nähe die Leinwand mit Pinselstrichen.
Warum das Auge den Augenblick des Umschlagens nicht findet, ist ganz
einfach, weil das Bild sieht, nicht das Auge, was auch heißt,
nicht über das Bild zu denken, sondern das Bild in sich denken zu
lassen.
Der Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Eugen Blume ist Leiter des Museums
für Gegenwart HAMBURGER BAHNHOF Berlin
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